Hans Neubert (*1941 †2013)


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Schwarzlicht

Rechts ran. Rechts ran.
Das Martinshorn zweihundert Meter hinter uns ist nicht zu überhören. Aber es sind vertraute Klänge. Leipzigs Straßen werden regelmäßig beschallt.
Nur in Leipzig? Wohl kaum. Das ist das Leben. Manchmal steht das Leben auch neben sich.
Immer dann, wenn sich Jahrzehnte alte Tradition bewährt und trotzdem von Jetzt auf Nachher über den Haufen geworfen wird.

Heute früh um 6 beendet das verdammte Telefon meine Nachtruhe. Ihr wisst schon, Marko ist dran, wir müssen los. Das ungemütliche, nasskalte Wetter der letzten Tage fordert offenbar seinen Tribut. Menschen, die sich an der Schmerzgrenze des Lebens an Sonne und Wärme festklammern, verlieren in dieser Situation ihren letzten Willen. Die wichtigsten Organe folgen und kurz darauf – muss Marko anrufen.

Wir sitzen bereits in unserem Dienst-Benz, dem man schon rein äußerlich seine Wichtigkeit erahnt. Wir sehen das auch so. Die anderen Verkehrsteilnehmer an diesen Samstagmorgen sind wohl mehrheitlich anderer Meinung. Vor uns wird geschnitten, ohne Blinken die Spur gewechselt, unmotiviert gebremst und bei Hellgelb eine Vollbremsung hingelegt. Das volle Programm. Sollte man meinen.
Außer vielleicht, dass das angegebene Ziel in einer ganz anderen Stadt als der unsrigen liegt. Da hat wohl jemand noch gepennt am Notruftelefon? Denn auch die Telefonnummer des anzusteuernden Hilfsdienstes ist falsch – oder besser; unvollständig.
Schreckt uns alles nicht wirklich ab. Die genannte Straße gibt es nur in Halle, jetzt wieder „an der Saale“. Noch vor wenigen Tagen hätten wir uns nach Halle in der Saale durchkämpfen müssen. Das ist glücklicherweise Geschichte. Vorerst.

Kurz vor Halles Stadtmauern – wie aus dem Nichts – ist es wieder da. Das vertraut-geglaubte Blaulicht-Signal. Oder doch nicht? Es klingt eher, als würden Crockett und Tubbs aus Miami Vice oder Ltn. Kojak uns von der Straße schubsen wollen. Und tatsächlich. Die hiesige Eilig-hab-und-immer-schnell-fahr-Polizei rüstet auf US-amerikanisches Sirenengeheul um.
Wir fahren trotzdem, bereitwillig gehorchend, rechts ran. Unbedacht, wie sich kurz darauf herausstellte.
Urplötzlich hätten wir das Dachgejaule selbst gebrauchen können.

Die Autobahnausfahrt wird von einem Vier-Meter-breiten Rasenkantenmäher blockiert und die beiden Kleinwagen vor uns trauen sich nicht an ihm vorbei.
Ehe wir eine ungeplante Fünfzehn-Minuten-Rauchpause einlegen müssen, bitte ich beide Fahrer wenigstens die linke Straßenseite freizugeben, sich hinter dem Rasenfrisierer anzustelllen und uns vorbei zu lassen..
Danke. Sie tun wie geheißen.
Zum wiederholten Mal stelle ich fest, mit Blaulicht wär das nicht passiert. Auch nicht mit Blaulicht und Navi-CIS-Sirene. Aber null Chance, die StVO kennt uns nicht.
Schwarzlicht.
Die Rettung.

Der Bundestag möge beschließen:
„Bestatter-Fahrzeuge im Dienst sind flächendeckend mit Schwarzlicht und Einsatz-Sirene auszurüsten. Der entsprechende Passus ist in der StVO nachzutragen.“
Damit nie wieder Hinterbliebene am Bett eines Verstorbenen über Gebühr lange warten müssen.
Dafür lohnt sogar der Weg zur Wahlurne. Denn ein nicht-arbeitsfähiger Bundestag beschließt auch keine noch so begründeten Sonderwünsche. Und Oma Anna wird weiter auf den Lang-Benz warten müssen.
Mit oder ohne Martinshorn.
©casus. 2013.

Kultur im Leipziger Osten_Juli 2013

Es gibt Fragen und Themen, mit denen wir Menschen, gewollt oder ungewollt, immer wieder konfrontiert werden und auf die wir dringend eine Antwort benötigen. Oft in kurzer Zeit und oft zu unpassender Gelegenheit. Nämlich genau dann, wenn wir den Kopf mit vorgeblich wichtigeren Dingen voll habenn

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Deshalb ist es gut, wenn Experten, die diese Fragen beantworten und darüber sprechen können, an einem entspannten Sonnabend-Nachmittag zur Verfügung stehen und wenn es Veranstalter gibt, die diese Experten mit dem interessierten und  fragenden Publikum zusammenbringen.

Frau Beate Landgraf, eine der kompetenten Leipziger Rechtsanwältinnen steht Ihnen Rede und Antwort und spricht über die Themen

  1. Testament
  2. Erbrecht
  3. das Amtsgericht im Trauerfall
  4. wann ist was zu tun?
  5. wer hilft dabei?

Wann: Am Sonnabend, den 6. Juli 2013 um 15:00 Uhr
Wo: Bestattungshaus Hoensch, Waldbaurstr. 2a, 04347 Leipzig
Parkplätze für PKW-Anreise sind ausreichend vorhanden.

Der Eintritt ist frei und wer sich einen der ca. 60 Sitzplätze sichern möchte, sollte rechtzeitig reservieren.
Per e-mail, Telefon, direkt im Haus oder ganz ’normal‘ mit der Briefpost. Es geht nichts verloren.

Wozu benötige ich nun einen Erbschein, ich erbe doch nichts, frau Landgraf?

(c)casus.web.admin.2013

Die Wellenreiterin

Es ist der heißeste Tag des Jahres.
Das Bordthermometer zeigt 34,8 Grad an und ist gut gegen Sonne gesichert im Heckbereich der Undine angebracht. Das Schiff liegt an der Pier am Neuen Strom in Rostock-Warnemünde. Die Besatzung, zwei Kapitäne, ein Maschinist, ein Decksmann. Alle geschniegelt und gebügelt. Die Uniformen jedenfalls.
Undine ist noch keine vier Wochen alt. Gebaut im polnischen Swinoujscie und schon jetzt das Flaggschiff der Rostocker Seebestatter um die Kapitäne Lohmannn und Brandt.

(c)casus. 2013.

(c)casus. 2013.

Wind 1, beinah spiegelglatte See. Lediglich die vor 30 Minuten ausgelaufene AIDAmar hat das Meer leicht aufgewühlt und der erbarmungslos strahlende Planet über uns, der eigentlich ein Stern ist, lässt seine Strahlen leichtfüßig auf den kleinen Wellen tanzen.
Einen Blick haben wir dafür kaum…

Zwei Seemeilen vor der Küste, die Skyline Warnemündes ist noch zu ahnen, haben wir die Zielposition erreicht. Hier finden Seeleute und Landratten ihre letzte Ruhestätte. Wenn sie es denn möchten.
Es fragt niemand mehr danach, ob die oder der Verstorbene einen wirklichen Bezug zur See hatte oder vielleicht nur einmal im Urlaub einen Goldfisch im Aquarium gefüttert hat.
Die Seebestattung hat ihren Platz inmitten der Gesellschaft gefunden und wird diesen in Anbetracht der steigenden Folgekosten landseitiger Friedhöfe eher ausbauen denn verteidigen.

Die Undine ist auf alles vorbereitet.
Von der anonymen Bestattung bis zur Begleitung durch 80 hinterbliebene Angehörige und Freunde, von der Trauerfeier durch den Kapitän oder einen seefesten Pfarrer – den blau-weiß-schwarzen 400-PSer lässt die Zeremonie kalt. Für uns dagegen ist der Akt der Beisetzung ergreifend, denn auch wenn die genaue GPS-Position dokumentiert wird, Christel wird nie wieder Besuch empfangen können.

Mir kommen während der circa dreißig minütigen Fahrt auf See noch einmal Gedanken an eine kürzliche Beisetzung an Land auf. Eine Friedhofsverwaltung hatte stellvertretend für den Pfarrer das Wort Gottes durch den Seelsorger verwehrt. Was mich damals zunächst schockierte -> Keine Worte für Alfred. Der Verstorbene war nicht oder nicht mehr Mitglied der Gemeinde. Später musste ich mich mehrfach eines Besseren belehren lassen. Der Tenor der Aussagen: auch ein ausgetretener Kaninchenzüchter muss auf Leistungen des Vereins verzichten. Und – auch die Pfarreien sind in der materiellen Welt angekommen. Personelle und finanzielle Ansprüche müssen dem Wort Gottes angepasst werden.

Wenn kirchliches Handeln beim Gottesdienst oder der Bestattung „…im Namen Gottes“ spricht, so muss es um die Herauslösung und quasi Loslösung ihres Anspruchs religiöser Bindungen aus einer säkularisierten Welt wissen.
Wenden sich Menschen von der Kirche ab, kann dies unterschiedlichste Ursachen haben. Nach meinen Erfahrungen jedoch werden diese Menschen keineswegs unreligiös. Im Gegenteil. Sie beschränken ihre Gläubigkeit nicht mehr auf den sonntäglichen Gottesdienst. Sie leben die „Gemeinde“ in ihrem Alltag und nicht nur zu kirchlichen Gemeindeveranstaltungen.
Es wird immer wieder behauptet, die Gemeinde sei vor allem in größeren Städten nicht mehr da. Die Kirche aber geht weiterhin davon aus. So muss die Selbstverständlichkeit des christlichen Glaubens den gläubigen Menschen auch wahrnehmen. Die Form seiner Bindung an das Evangelium ist unerheblich.
Ist dieser Schritt vollzogen, anerkennt kirchliches Handeln und Reden den gläubigen Menschen bei der Bestattung, dann wird der Ausschließlichkeitsanspruch, wie wir ihn bereits erlebt haben, relativiert. Der verstorbene Mensch erfährt die Milde und Großzügigkeit eines nicht entfremdeten Glaubens.
Am Sarge eines Menschen entscheidet sich, ob Gott oder Theos Thanatos die Oberhand gewinnen und der Reise in die Ewigkeit beiwohnen.

Aber ich schweife ab, auch auf See bleibt die Uhr nicht stehen.

Die Undine hat eine Ehrenrunde gedreht, 8 Glasen aus der Schiffsglocke bezeugen den vollzogenen Beisetzungsakt. Noch bevor wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, werden sich Christels leibliche Überreste mit dem Meer vereinigt haben.
Die Wellenreiterin ist angekommen.

Mit dem Sterben endet das Hiersein.
Der Tod ist das Ende des Sterbens und der Übergang zum Dasein.
Das Leben ist nicht an Mensch und Natur gebunden.
Das Leben ist unsterblich.

(c)Foto & Montage: Casus, Text: Theos Thanatos
Bei einigen Gedanken habe ich mich von Rohden Wilhelm und Horst Lahr inspirieren lassen. Siehe auch ‚Wasser, Ring und Erde‘ Handreichung für Lehre und Ordnung in Taufe, Trauung u. Bestattung.

Vom Wandel des Sterbens, der endgültige Tod

Der Tod ist ein Phänomen unserer Zeit.
Sterben mussten die Menschen schon immer – Unsterblichkeit bleibt den Göttern vorbehalten. Aber Sterben und Tod gehören nicht zusammen. Würde Pfarrer Zinnowitz jetzt hier an meiner Stelle stehen, sagte er möglicherweise: „Sterben ist kein Beinbruch. Der Mensch muss sterben, wenn er in den Himmel; wenn er in Gottes Reich aufgenommen werden will.“

Leider habe ich noch immer keine Zeit gefunden, einen seiner Gottesdienste zu besuchen, seine Predigt zu verfolgen und mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Das oft, zu oft, entbehrungsreiche Leben unserer Eltern und Großeltern, fand im Sterben seinen letzten, zwangsläufigen, einen gewollten Höhepunkt. Es war kein Abschied im Sinne von unendlicher Trauer, es war der Beginn eines himmlischen, postirdischen, gottesnahen Lebens.
Ihre Eltern und Großeltern haben bestimmt früher in dieser Weise gesprochen. Nicht der Tod, sondern das Sterben war das Ende des Lebens. In der heute sich so aufgeklärt gebenden Gesellschaft haben sich unsere Empfindungen gewandelt. Wir befürchten, dass mit dem Sterben der Tod eintritt. Das Ende dessen, was wir als Leben, als Leben unter Gleichgesinnten, als Dasein betrachten.
Wir fürchten uns vor diesem Zeitpunkt und wir befürchten, alle Liebe, alles Hab und alles Gut zu verlieren. Die Befürchtungen sind nicht unbegründet.
Wir lieben das wirkliche Leben und seine Annehmlichkeiten und wir befürchten das unbekannte, unwirkliche Leben, das Leben nach dem Sterben.
Wir fürchten uns vor dem Tod.
Wir glauben, wir sind tot.

Alte Grabsteine in Wustrow

Alte Grabsteine in Wustrow

Ich bin gestern auf dem Fischländer Friedhof von Wustrow auf dem Darß gewesen und habe nach Spuren vergangenen Lebens gesucht.
Der Friedhof wurde 1832 angelegt als der Kirchplatz nicht mehr ausreichte. Und wie fast jeder Friedhof in Deutschland musste er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erweitert werden. Die Zeugnisse der Mitte des 19. Jahrhunderts Verstorbenen sind allenthalben sichtbar. Nicht ihre Grabstellen werden weiterhin gepflegt, wohl aber die Grabsteine mit den noch gut lesbaren Inschriften haben überlebt. Sie stehen und liegen ungeordnet an der prächtigen, 1859 errichteten Friedhofsmauer. Mitunter vermittelt dieses endgültige Schicksal den Eindruck von Gemeinsamkeit, von friedlichem Neben- und Miteinander. Die Natur lässt diese Zeugnisse früheren Lebens zusammenwachsen. Starke Äste und grüne Zweige wirken wie Dutzende Hände, die sich die Steine in ihrem ewigen Dasein reichen.

Zweihundert Jahre reichen nicht, um tot zu sein.
Das Leben ist ein Phänomen unserer Zeit.
Foto & ©casus. 2013