Das doppelte Lottchen oder bad‘ zwei in einer Wanne nicht.

Es gibt schooon Berufsgruppen, die jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt werden.
Der Postbeamte, der täglich ein neues Datum stempelt (ja ja, ist alt), die Hebamme, die nie weiß, ob sie ein weißes, ein gelbes oder ein schwarzes Handtuch bereitlegen sollte, der Kriegsminister, der am Morgen noch nicht weiß, ob die Raketen am Abend nicht doch nach Südosten ausgerichtet werden müssen oder auch der Bestattiger, der sich mal eben einen Trauerfeiertermin mit einem Kollegen teilen muss.
Dabei haben mir die Angehörigen der Trauergemeinde heute die tollsten Sachen erzählt und dazu bestimmt in der dunkelsten Ecke der Schublade gekramt. Alle waren versammelt, die Witwe, die Familie, die Freunde, der Pfarrer, der Friedhofsbedienstete, der Herrgott (fürs Wetter verantwortlich) und auch das Harmonium wurde bereits gestimmt. Wer fehlte war der Bestattiger. Muss irgendwo im süddeutschen Raum gewesen sein, ist hier undenkbar!
Am Telefon meldet sich die freundliche mailbox und auch sonst brettert lediglich der Planet auf die zunehmend ungeduldig werdenden Trauerfeier- und Beisetzungsbesucher. Mit dem fehlenden Bestatter war auch die Hauptperson der pikanten Angelegenheit nicht anwesend. Der Verstorbene. Und der ihn beherbergende Sarg.
Als dann doch die Limousine um die Ecke bog, der Sarg in der Trauerhalle platziert war, kam die große Stunde der Angehörigen. Jetzt glaubten Sie gar nichts mehr. Auch nicht, dass Papa Egon tatsächlich in der Holztruhe friedlich gebettet Platz genommen hatte.

FH Kleinzschocher, Kapelle

FH Kleinzschocher, Kapelle

Das die Story, mit der wir uns die Zeit vertrieben bis sich die kommunale Friedhofsverwaltung, die Friedhofsangestellte und der Friedhofsgärtner soweit einigten, unseren schriftlich bestätigten Trauerfeiertermin und die schriftlich bestätigte Urnenbeisetzung fast parallel zur Stillen Beisetzung des Kollegen zu organisieren und durchzuführen.
Das ist leichter gesagt als getan, denn Null Unterlagen auf dem Friedhof involvieren auch Null Grabstelle und Null Urnenaufnahme. Immerhin war schönes Wetter und ein Loch von Durchmesser 30 und Tiefe 80 ist unter diesen Umständen in 5 Minuten ausgehoben.

Pfarrer Holke behielt ebenso die Ruhe wie der vorgeführte Bestattiger.
Was auch anderes blieb uns übrig. Wir organisierten hinter den Kulissen.
Vier Minuten nach 14 Uhr und damit zwanzig Minuten später als geplant gab es für unseren Reisenden kein Zurück mehr, das Grab war geschlossen und die Trauerfamilie zog von dannen Richtung Naddel. Mittagessen. A la carte. Frisch vom Herd.

Es hätte auch unangenehmer ausgehen können.
Es kann immer unangenehmer ausgehen.
Hat es aber nicht. Weil zwei Leute und eine Familie die Ruhe bewahrt haben. Im festen Glauben an den, der uns heute eine besonders schwere Prüfung auferlegte. Er hatte wohl nicht mit der Kraft der Hinterbliebenen gerechnet. Oder gerade?

Und so wurden heute Mittag auf Leipzigs Kommunalem zwei Lottchen gleichzeitig beigesetzt.
Darauf einen Doppelten.
©casus. 2013

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Wir gehen mit der Zeit.

Die Sonne ist auf unserer Seite. Auch wir brüteten gerade mit dem hiesigen Lokal-TV über die upcoming Werbestrategie, über Inhalte und Umfang der Zusammenarbeit in den nächsten 6 Monaten.

Universität Leipzig (wikipedia)

Universität Leipzig (wikipedia)

Da stand er plötzlich in der Tür. Jorge.
Jorge studiert Geografie an der Leipziger Universität. Im letzten Semester. Mit Bachelor-Abschluss.

Den studentischen Nachwuchs zu fördern, das ist auch unsere Intention. Die Jugend soll es schließlich richten. Irgendwann einmal.

Wir verabschieden uns also von unserem Medienpartner. Es war alles gesagt und besprochen. Unterschrieben wird später. Auf Büttenpapier oder digital zertifiziert. Wir gehen ja mit der Zeit.

Übrigens auch so eine für Bürger mit Migrations-Vordergrund unverständliche Redewendung: Wir gehen mit der Zeit. Natürlich gehen wir, alle gehen wir, wenn es Zeit ist, unsere Zeit gekommen ist.
Es ist anders gemeint. Wir stellen uns den Anforderungen, wir sind zeitgemäß, modern, auf der Höhe …

Mir fällt dann immer ein, wie ich einem ausländischen Kommilitonen den Begriff „überholen“ erklären musste. Ich stotterte mir etwas zusammen.
Du fährst mit deinem Auto in die Werkstatt und sagst zum Meister, er möge das Fahrzeug überholen. Der steigt in seinen Porsche und meint, auf geht’s, ab auf die Autobahn … – Nein, du wiederholst, das Auto ist defekt, er möge es reparieren, auf den neuesten Stand bringen, naja, überholen eben. – Nein, sagt der Meister mit bitterer Mine, das Auto kann ich nicht überholen, das ist überholt. Kaufen sie ein neues …

Unser TV-Kollege hat den Parkplatz mit seinem gut überholten Audi verlassen und wir widmen uns dem studentischen Nachwuchs.
Die Bachelor-Arbeit also steht an. Jorge trägt Informationen über inzwischen nachhaltig bebaute ehemalige Industrielandschaften und Industriebrachen in der Stadt Leipzig zusammen, will wissen, warum wir gerade hier auf dem Gelände eines ehemaligen Druckfarben-VEB neu bauten.
Standortnähe, Größe, Kaufpreis, Stadtsanierung – alles schneidet sein elektronisches Gedächtnis – ein kleiner Audiorecorder – unmissverständlich mit. Es ist auch alles schnell gesagt und notiert.

Nun sind wir dran. Wie viele derartige Brachen gibt es in Leipzig? Wer wird noch alles befragt? Wer wurde schon interviewt? Wann muss die Arbeit fertig sein?
Für meine Diplomarbeit hatte ich seinerzeit ein Semester Zeit, dafür war es eine kleine Doktorarbeit geworden. Nicht von der Qualität, wohl aber vom Aufwand her.
Jorge rückt mit der Sprache raus. Am 23. August muss die Arbeit abgegeben werden! Heute ist der 7. August. Und wir sind Gesprächspartner Nummer 2. Selbst mit Tag-und-Nacht-Arbeiten wird wohl am Ende nur eine kleine Hausaufgabe herauskommen. Oder er zaubert. Soll es ja geben.
Jedenfalls drücken wir ihm die Daumen. Tut nicht weh und hilft wohl auch nicht.

Die Sonne hat sich inzwischen etwas verzogen. Zeit zum Brüten unter Normalbedingungen.
Jorge kann es gebrauchen.
©casus. 2013

Rothschilds Geige

Heute haben wir einen Hörgenuss-Geheimtipp für Euch:

„Rothschilds Geige“
Ein Hörspiel von Fritz Zaugg, nach einer Novelle von Anton Tschechow.

Die Archivproduktion aus 1994 sendete der SRF1 am 8. April diesen Jahres.
Das komplette Hörspiel (ca. 45 Minuten) kann -> hier nachgehört werden.

Hörspiel-Cover (von Daniel Spehr)

Hörspiel-Cover (von Daniel Spehr)

„Es ist eine typische Tschechow-Geschichte, traurig, menschlich und wundervoll poetisch. Der Sargtischler Jakow Iwanow, der notorisch unzufriedene Geizkragen, kennt nur eines in seinem Leben: Sorgen. Als ihm der Hausarzt eröffnet, dass Jakows Frau Martha nur noch wenig Zeit zu leben hat, gewinnt er diesem Umstand Positives ab. Als Verstorbener hat man keine Ausgaben für Nahrung und Wohnung, spart Steuern und überhaupt muss man sich weniger kümmern.“
Musik: Witek Kornacki und Ensemble – Bearbeitung und Regie:  Fritz Zaugg – Produktion: SRF 1994
(c)SRF1

KULTur im LeipzIGER OSTEN_September 2013

Über Nahtod und Nahtoderfahrung sprechen und schreiben nur Menschen, die das Leben bereits mindestens einmal verlassen haben, die auf dem Weg weg von der uns bekannten Zivilisation ein helles
Licht, einen langen Tunnel oder eine unendliche Ruhe erfahren haben.
Oder alles gemeinsam.

Download Programmflyer

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Menschen, die im Zustand des nahenden Todes und oft auch unerträglicher Schmerzen ihren Körper verlassen und sich von „außen“ das irdische Treiben angesehen haben. Überirdisch, außerirdisch,
wetfremd, himmelsgleich … Begriffe, deren Bedeutung wohl nur wenige von uns wirklich interpretieren können.

Alles, was nicht tot ist, lebt.- Falsch.
Alles, was lebt, ist nicht tot.- Auch falsch.
Der Tod ist die Fortsetzung des Lebens unter anderen Voraussetzungen. Und – das Schönste am Tod ist das Erlebte danach.
Sagt Sabine Mehne.
Sagen Menschen, die das Leben einmal verlassen haben und wieder „zurück“ kamen.
Den Tod zu erklären ist – noch- ein Ding der Unmöglichkeit.
Den Nahtod zu beschreiben und zu untersuchen, dafür gibt es Anhaltspunkte, Argumente und Ansätze.
Am 7. September diskutieren wir über das Phänomen Nahtod.

Und es liest Sabine Mehne aus ihrem Buch „Licht ohne Schatten“.
Musikalisch begleitet wird die Expertenrunde von Nadine Maria Schmidt, die mit äußerst gefühlsvollen Liedern und Texten nicht nur das Leben beschreibt.
Hören Sie zu, diskutieren Sie mit, positionieren Sie sich zwischen Erde und Himmel, zwischen Hiersein und Sterben, zwischen Leben und Tod. Oder erfahren Sie einfach, was andere Menschen erlebt und dazu zu sagen haben.
Vielleicht ist es eine Vorbereitung auf das, was unvermeidbar ist.
Vielleicht ist es ein informativer Nachmittag.
Vielleicht ist es unser Leben.
So nah am Leben, nah am Tod – schon die Puhdys konnten ein Lied davon singen.

Podiumsrunde mit Sabine Mehne, Markus Garling und der Frau mit Gitarre, Nadine Maria Schmidt. Wir diskutieren mit Ihnen. Durch das Programm führt Casus Caspari.
Mit Buchbasar und der Möglichkeit zu individuellen und ganz persönlichen Gesprächen.

Am 7. September 2013 ab 15:00 Uhr.
In der Eventhalle des Bestattungshauses Hoensch.
Waldbaurstr. 2 A in Leipzig.
Eintritt: 8€ (5€)